Montag, 11. September 2017

Editorial Kongress-Brief Gender-Gesundheit (August 2017)

Angela Merkel will junge Menschen ermutigen, den Pflegeberuf zu ergreifen. Das ist gut. Der Versuch, die geringe Bezahlung mit der persönlichen Erfüllung, die diese Arbeit am und für den Menschen mit sich bringt, aufzuwiegen, ist zweifelhaft. Man staunt, wie weit sich Spitzenpolitiker, von der Realität entfernen können. Zunächst stellt sich die Frage ob und wann die Bundeskanzlerin das letzte Mal ein Krankenhaus oder ein Altenpflegeheim wirklich von innen gesehen hat. Nicht die Gesellschaftsräume, sondern z.B. ein Zimmer der Pflegestufe 3. Die Ausübung des Pflegeberufes ist ohne eine grundsätzliche Bereitschaft, kranke bzw. alte Menschen in allen Lebensbereichen (!) zu betreuen und zu versorgen, verbunden mit den täglichen körperlichen und psychischen Herausforderungen gar nicht denkbar. Oder anders formuliert: die intrinsische Motivation muss auf jeden Fall sehr hoch sein, da gegenwärtig weder Geld noch Prestige locken.

Nächstenliebe – nennen wir es mal so – als Lohnersatz ins Feld zu führen, leugnet die längst überfällige Notwendigkeit, dieser Berufsgruppe eine angemessene Bezahlung und gesellschaftliche Anerkennung zukommen zu lassen. Als Subbotschaft ließe sich das Folgende interpretieren: Pflege wird in der kollektiven Wahrnehmung immer als noch Akt der Barmherzigkeit gewertet; in früheren Zeiten für Gottes Lohn von mildtätigen Nonnen geleistet. Eine so formulierte Aufforderung seitens der Regierungschefin mutet leicht zynisch an, zeigt sie doch den geringen Stellenwert, den dieser Bereich augenscheinlich in der Politik (außerhalb der Gesundheitspolitik) und z.T. auch in der Gesellschaft hat. Es ist schwer vorstellbar, dass z.B. künftige KFZ-Mechaniker oder Mitarbeiter der Müllabfuhr in dieser Form angeworben würden. Vor allem für die Letzt genannte Berufsgruppe wird häufig die körperliche Schwerstarbeit ins Feld geführt, die eine gute Bezahlung und gute Konditionen erforderlich machen. Das ist richtig. Die Zahlen des BKK-Gesundheitsberichts von Juli 2017 belegen allerdings, dass der Krankenstand unter Pflegekräften signifikant höher ist als der in anderen Berufsgruppen. Im Vergleich verdoppeln sich die Krankentage, die auf psychische Erkrankungen oder Muskel- und Skelettkrankheiten zurückzuführen sind. Männliche Pflegekräfte leiden zudem unter der psychischen Belastung stärker als ihre Kolleginnen, bedürfen sie doch zu 15 Prozent mehr eines stationären Aufenthaltes.

Spärliche Bezahlung, die nach den aktuellen und vermutlich künftigen Bedingungen, nach den geleisteten Berufsjahren Altersarmut nach sich ziehen kann und z.T. befristete Arbeitsverhältnisse (32,9 Prozent in der Altenpflege) tragen auch nicht zu einem sicheren Lebensgefühl bei.
Will man den Pflegenotstand bewältigen und die rund 200.000 offenen Vollzeitstellen, die laut verschiedener Studien bis 2025 zu erwarten sind, mit qualifiziertem Personal besetzen, wird man nicht umhin kommen, an der Lohnschraube nach oben zu drehen und strukturell an den Arbeitsbedingungen zu arbeiten. (http://www.bkk-dachverband.de/publikationen/bkk-gesundheitsatlas)

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