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Dienstag, 22. August 2017

Editorial Kongress-Brief Gender-Gesundheit (Mai 2017)

In Notfällen ist der weibliche Kommunikationsansatz scheinbar nicht der passende. Wenn wirklich schnell gehandelt werden muss, sind Männer laut einer randomisierten Studie des Universitätsspitals Basel offenbar im Vorteil. Um nach einem Herzkreislaufstillstand wertvolle Zeit nicht zu vergeuden, sondern für die Reanimation zu nutzen, braucht es Effizienz, die sich durch schnelle Entscheidungen und durch eine rasche Umsetzung auszeichnet. Klare und eindeutige Anweisungen sind das Gebot der Stunde, ebenso wie eine eindeutige Aufgabenverteilung. Hier kann man/frau sich vorstellen, dass es durchaus auch mal ruppig zugehen kann und sich schnell ein hierarchisches Gefüge bildet. Nicht alle Beteiligten werden dann gleichberechtigt in die Diskussion um das beste Handeln einbezogen. Ein typischer Top-down-Führungsansatz, mit dem viele Männer vertrauter sein und in bestimmten Situationen besser zurecht kommen mögen als Frauen. Einer übernimmt die Verantwortung und damit auch das Risiko des Handelns.

Tatsächlich zeigt die Erfahrung vieler Führungskräfte, unterschiedlicher Branchen, dass Mitarbeiterinnen, die mit mehr Verantwortung oder einer höheren Position betraut werden sollen, diese neue Herausforderung häufig gar nicht begrüßen und sogar ablehnen. Sich qua Verantwortung zu exponieren und gelegentlich auch zu sagen wo es lang geht, fällt vielen – trotz guter Ausbildung – schwer. Zu groß scheint die Furcht, sich unbeliebt zu machen und kritisiert zu werden. Liegt es am Geschlecht, an der Erziehung (noch immer?), die schon bei kleinen Mädchen die Zaghaftigkeit fördert – oder an beidem? Wie weit dagegen ein junges Mädchen kommen kann, wenn ihr v.a. durch den Vater genügend Vertrauen und auch Hilfe entgegen gebracht wird, zeigt sich in der jungen Einhandseglerin Laura Dekker: nämlich um die Welt. Mit ihrem Segelboot hat sie im zarten Alter von 16 Einsamkeit und Stürmen getrotzt, fremde Länder "erobert" und viele Probleme an Bord selbständig gelöst.

Die Studie aus Basel ist auf jeden Fall wichtig und aufschlussreich, nur sollten nicht die falschen Schlüsse daraus gezogen werden, etwa nach dem Motto: Frauen seien im Notfall eben doch das "schwache" Geschlecht. Vielmehr sollte weiterführenden Fragen nachgegangen werden. Zum Beispiel der, wie Ärztinnen im echten Leben agieren und nicht im Studiensetting, das auch als Prüfungssituation wahrgenommen werden könnte. In kompetitiven Situationen, also auch in Prüfungen, schneiden weibliche Teilnehmer häufig schlechter ab – auch weil Selbstzweifel am eigenen Können oft im Weg stehen.

Eine andere, ältere Untersuchung hat zum Beispiel gezeigt, dass Ärztinnen Patienten, unabhängig vom Geschlecht gleich lang reanimieren, während ihre männlichen Kollegen, sich für Frauen weniger Zeit für eine  Wiederbelebung nehmen.

Vielleicht kann man/frau ja voneinander lernen und nützliche Kombination aus den unterschiedlichen Kommunikationsmustern entwickeln; auch für Notfälle.

Dienstag, 11. April 2017

Editorial Kongress-Brief Gender-Gesundheit (März 2017)

"Frauen in einer sich wandelnden Arbeitswelt: die Hälfte der Welt bis 2030" so das Motto des diesjährigen Weltfrauentages und "Equal Pay Days" am 08. März.

Manche und manchen mag es aus unterschiedlichen Gründen ärgern, dass gleichberechtigte Teilhabe von Frauen am gesellschaftlichen, am politischen und am beruflichen Leben immer noch ein Thema ist und dass die stets gleichen Forderungen jedes Jahr aufs Neue, nur in Nuancen variiert, wiederholt werden. Für Einige mag es ein Ärgernis sein, dass uns Lohngerechtigkeit, eine geschlechterparitätische Beteiligung in Führungspositionen in Wirtschaft, Politik oder Forschung immer noch beschäftigen müssen, da sie eben immer noch keine Selbstverständlichkeit sind und daher immer wieder neu eingefordert werden müssen. Für Andere mag das Ärgernis darin bestehen, dass das Thema immer noch nicht vom Tisch ist, da sie es aus Überzeugung für überflüssig und belächenswert halten. Denn Frauen kann aus dieser Perspektive eine wirkliche Teilhabe, also "die Hälfte der Welt", einfach nicht zugestanden werden, da sie schließlich weniger arbeiteten (Kinderbetreuung, Pflege von Angehörigen etc. mal beiseite), nicht bereit seien die gleichen Qualifikationsschritte zu nehmen, weniger Führungspotential hätten usw.. Gerade die jüngste Forderung, immerhin in der F.A.Z. veröffentlicht, eines pensionierten Chefarztes nach einer Männerquote im Medizinstudium zeigt, wie frisch und dünn die Schicht im kollektiven Bewusstsein ist, echte Gleich-Wertigkeit ohne Wenn und Aber anzuerkennen. Um so mehr freut die Stellungnahme der Bundesvertretung der Medizinstudierenden (bvmd), die sich klar gegen ein solches Ansinnen ausspricht und auf einen profunden Bewusstseinswandel hoffen lässt.

Vielleicht ist gerade die angelaufene Fernsehserie "Charité" geeignet, noch einmal die Entwicklung nicht nur in der Medizin vor rund 130 Jahren zu rekapitulieren, sondern auch die der Geschlechterrollen im Krankenhausalltag. Diakonissen und weltliche "Wärterinnen" waren quasi auf dem Gelände der Klinik interniert und hatten Dienste zu leisten, die heute arbeitsrechtlich schlicht nicht mehr zulässig sind – die Diakonissen für Gottes Lohn, die Wärterinnen für kleines Geld. Mit diesem "Fundament" haben die Pflegeberufe in Bezug auf Anerkennung und Entlohnung heute noch zu ringen. Und als die Filmheldin Ida Lenze äußert, selbst Medizin studieren zu wollen, was im Deutschland Ende des 19. Jahrhunderts Frauen verboten war, und sich heimlich in Vorlesungen für Medizinstudenten schleicht, erntet sie laut Drehbuch ungläubiges Gelächter seitens Ihrer Wärterinnen-Kolleginnen oder Hohn seitens des Professors, mit der Begründung, dass Frauen zu einem solchen Studium schlicht nicht fähig seien. Aus heutiger Zuschauersicht mag sich angesichts dieser antiquierten und durchaus nicht frei erfundenen Vorstellungen Spott oder Empörung regen. Einige, v.a. ältere Leserinnen, kennen vielleicht solche "Einschätzungen" noch aus dem realen Leben und Studium; ohne dass sie die Möglichkeit gehabt hätten, wirklich angemessen zu reagieren, um nicht einen erfolgreichen Abschluss zu riskieren. Also, alles noch nicht so lange her und auch heute noch sind Äußerungen, die die Fähigkeiten von Frauen qua Zuordnung zum Geschlecht herabsetzen, nicht vollkommen ausgeschlossen. Auf den 106. Weltfrauentag werden noch viele folgen bis die An-Erkennung der Gleichwertigkeit von Männern und Frauen wirklich selbstverständlich und dann eben kein Thema mehr ist.

Donnerstag, 9. März 2017

Editorial Kongress-Brief Gender-Gesundheit (Februar 2017)

Aschermittwoch ist vorbei und der 1. April noch fern; doch die "Beruf und Karriere"-Redaktion der F.A.Z. (04.03.17) schien zum Scherzen aufgelegt: "Wir brauchen eine Männerquote für Ärzte". Kein Witz. Der Autor des Gastbeitrags, pensionierter Chefarzt und Radiologe, fordert eine Männerquote für Studienanfänger der Medizin und sorgt sich um ausreichende medizinische Versorgung, angesichts des kontinuierlich steigenden Anteils weiblicher Medizinstudenten.

Wie bitte? Eine Quote für junge Männer muss her, sobald absehbar ist, dass sich mehr Frauen für ein Medizinstudium immatrikulieren als Männer? Gegner einer (Frauen)quote würden an dieser Stelle mit dem Primat der Qualifikation argumentieren. Und jetzt wird's schwierig; denn nach dem aktuellen Auswahlverfahren erhalten mehr junge Frauen einen der begehrten Plätze, weil sie in einem Schulsystem, dem ein männlich kompetitives System zugrunde liegt, schlicht das bessere Abitur und damit einen besseren Numerus Clausus vorweisen können. 
Der Autor löst das Dilemma, indem er das jahrzehntelang widerspruchslos akzeptierte, NC-Verfahren infrage stellt. Folgt man dieser Logik, scheint die Qualifikation allein durch den Notendurchschnitt nicht mehr aussreichend, sobald Frauen zur ernsthaften Konkurrenz werden. Ein ausführliches Testverfahren, das Fähigkeiten wie "Zuwendung" und "Zuverlässigkeit" prüft, erscheint dem Verfasser geeigneter, da aus seiner Sicht "Medizin (...) eine Erfahrungs- und weniger eine Naturwissenschaft" ist. 

Ein durchaus sinnvoller Vorschlag, um die wirklich zum Heilberuf Befähigten zu bekommen. Aber Vorsicht! In diesem Test kommen gemeinhin dem weiblichen Geschlecht zugeordnete Eigenschaften zum Tragen – die gute Ärzte und Ärztinnen ohnehin kennzeichnen sollten. Wenn in Befragungen männliche Studierende angeben, dass überwiegend Karriere- und Prestigegründe ausschlaggebend bei der Entscheidung für ein Medizinstudium seien und Frauen eher vom Gedanken helfen zu wollen, geleitet sind – wem gäbe ein solcher Test dann wohl den Vorzug? 

Das im Beitrag beschriebene Szenario, dass überwiegend Frauen zu den Studiumsabbrechern zählten, häufig nicht oder nur halbtags im Arztberuf tätig seien und damit den ärztlichen Notstand wenigstens mit zu verantworten hätten, blendet strukturelle Hintergründe konsequent aus. Ein Blick auf die Zahlen der Bundesärztekammer zeigen, dass mit einem geringen Überschuss sich überwiegend männliche Ärzte in berufsfremden Tätigkeitsbereichen tummeln. Hauptverantwortlich für einen beruflichen Ausfall von 10 Prozent der Ärztinnen gegenüber 2 Prozent der Ärzte ist und bleibt jedoch die Elternzeit, die 2015 von 6.722 Ärztinnen gegenüber 205 Ärzten bestritten wurde. Einige Kliniken in der Republik bieten ihren Mitarbeitern ein dem 24/7-Betrieb angepasstes Betreuungsangebot an. Der Unfallklinik Murnau gelingt es damit seit den 1970er Jahren, die Fluktuation in der Ärzteschaft zu verringern und dabei positive Zahlen zu schreiben. 
Auch der Blick über den nationalen Tellerrand macht deutlich, dass die hiesigen Strukturen kein unveränderbares Naturgesetz sind. Beispiel: dank flacher Hierarchien und einer selbstverständlicheren Akzeptanz gegenüber Familien rechnen sich 57,4 Prozent der deutschen Teilnehmerinnen des Biomedical Exchange Programs in den USA deutlich bessere Karrierechancen aus als in Deutschland (2 Prozent). Eine Umfrage des Hartmannbundes von 2014 bestätigt diese beiden Faktoren als größte Hürden für eine weibliche Medizinerkarriere. 

Aber über eine geschlechterparitätische 50:00 Quote ließe sich ja mal nachdenken; sie sollte konsequenterweise auch auf spätere Karrierestufen anwendbar sein, z.B. bei der Vergabe von Chefarztpsosten und Professuren, ebenso wie von Funktionärsposten in den Gremien der Selbstverwaltung und in Fachverbänden. Die Spielregeln jedoch einseitig ändern zu wollen, um prophylaktisch das Verlieren zu verhindern, ist ein Ausdruck von Schwäche.